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Ein Frack für den König

Wirtschafts Wochze - Ein Frack für den König

Die Ballsaison ist eröffnet: Deutschlands größter Hersteller von festlicher Herrenbekleidung feiert mit und macht gute Geschäfte.

Die Damen im langen, weißen Abendkleid, die Herren im schwarzen Frack: Die jungen Elevinnen und Eleven schreiten in den Ballsaal der Wiener Staatsoper, insgesamt 180 Paare. Die 4500 Gäste an den Tischen, in den Logen – 16 000 Euro kostet die teuerste Karte – erheben sich. Das Orchester intoniert Walzer, die Debütanten schwingen ihre ersten Schritte über das Parkett, monatelang haben sie für diesen Augenblick geprobt. Als die Tanzfläche auch für die übrigen Gäste freigegeben ist, hält es auch Karl-Wilhelm Vordemfelde aus Northeim (bei Göttingen) und seine Gattin nicht mehr an der Balustrade.

„EINE TOLLE VERANSTALTUNG“, schwärmt der 50-jährige Hobbytänzer und Chef des Herrenausstatters WILVORST über den Wiener Opernball. Er genoss die Darbietung der jungen Eleven und tanzte mit seiner Ehefrau bis in den frühen Morgen. Was Vordemfelde jedoch besonders freut: Über die Hälfte der Herren trägt hier Fräcke von WILVORST; er kann das an den Knöpfen und den Reversstellungen erkennen.

20 Millionen Euro setzt der Hersteller aus der niedersächsischen Provinzstadt Northeim, gerade jetzt in der Ballsaison, mit festlicher Kleidung um – mit Cuts, Dinnerjackets, Fräcken, Longsakkos oder Smokinganzügen. Mehr, als Konkurrenten wie Masterhand, Boss oder Windsor mit ihren feinen Herrenkleidern erwirtschaften. Die goldenen Zeiten sind zwar längst vorbei, das Unternehmen hat schwere Zeiten hinten sich. Doch inzwischen ist WILVORST wieder profitabel, finanziell gesund (mit einer Eigenkapitalquote von über 50 Prozent), vor allem im europäischen Ausland erfolgreich – und kleidet auch zahlreiche Prominente.

Die Berliner Philharmoniker tragen WILVORST, das griechische Staatsorchester, ebenso viele Gentlemen beim mondänen Pferderennen in Ascot. Und Thomas Gottschalk, der seine Maßkonfektion gerne über den Wiener Edelschneider und WILVORST-Händler Peppino Teuschler ordert: Bei „Wetten, dass?“ trägt er schon mal ein Brokatsakko aus Northeim. Vor Jahren statteten die Niedersachsen auch die RTL-Traumhochzeit mit Bräutigammode aus – der Name WILVORST wurde auch im Abspann genannt.

Für Startenor Luciano Pavarotti ließ Vordemfelde einen Frack in Größe 68 schneidern. Und gerne erzählt der WILVORST-Chef die Geschichte, als vor Jahren der beliebte König von Togo, auf Staatsbesuch in Deutschland, dringend einen Frack für einen Empfang auf dem Bonner Petersberg brauchte. Das Auswärtige Amt rief an, der König wurde in aller Eile vermessen – und zwei Tage später war der Frack fertig. Normalerweise dauert die Herstellung eine Woche.

Am schwierigsten ist der Smoking. „Der braucht mehr Aufwand wegen der Seide am Revers“, erklärt der promovierte Jurist Vordemfelde, „schwarze Stoffe sind ohnehin empfindlicher in der Herstellung“. Die Männer in den englischen Rauchsalons des 19. Jahrhunderts trugen ihn zuerst – der Name leitet sich tatsächlich vom englischen „to smoke“ ab. Um die 400 Euro kostet ein guter Wilvorst-Smoking beim Händler. Aus Deutschland, Spanien und natürlich Italien bezieht Vordemfelde seine Stoffe – unter anderem von Cerruti und Marzotto.

DIE BERLINER PHILHARMONIKER TRAGEN WILVORST, EBENSO THOMAS GOTTSCHALK UND LUCIANO PAVAROTTI. DER STARTENOR BRAUCHT GRÖßE 68.

In der großen Produktionshalle in Northeim berechnen Computer die genauen Maße, etwa für Ärmellängen und Rückenpartien, Automaten schneiden dann den feinen Stoff zurecht, Nähmaschinen rattern, überall Frauen in Arbeitskitteln, die fertigen Anzüge bügeln sie von Hand. An einer Stange hängen etwa ein Dutzend rote Longjackets für das Friedrichsbaur-Varieté in Stuttgart.

„Wir statten auch komplette Varietés, Karnevalsvereine, die Bundeswehr, der Servicepersonal der KölnArena oder die Infomitarbeiter am Düsseldorfer Flughafen aus“, sagt Michael Busch, Leiter Corporate Fashion. Die Band von Stefan Raabs Comedy-Sendung TV Total kleidet WILVORST ein; ebenso die Musiker von Marius Müller-Westernhagen. Buschs jüngster Erfolg: WILVORST liefert 1600 grünmelierte Sakkos, einreihig, mit jeweils drei Knöpfen, an die Förster des Landes Rheinland-Pfalz. Nur manchmal muss Busch passen und einen Auftrag ablehnen: Das Karnevalskostüm für den Bauern im Kölner Dreigestirn wollte er nicht schneidern lassen – wegen der weiten Puffärmel, das sei zu schwierig, sagt Busch.

In einer Lagerhalle wird Ware zur Endkontrolle angeliefert, die WILVORST in Tschechien und Rumänien herstellen lässt. Dort lässt Vordemfelde in Lohnfertigung herstellen; nur noch ein Drittel der Produktion stammt aus Deutschland. Von ehemals 430 Mitarbeitern am Standort sind nur noch 180 übrig geblieben.

AUCH LUXUSHERSTELLER LEIDEN: „Festliche Kleidung ist heute weniger gefragt als früher. In den Siebzigerjahren wurden sogar noch Dorffeste im Smoking gefeiert, heute können die meisten Männer unter 50 doch nicht mal mehr Foxtrott oder langsamen Walzer tanzen“, sagt Vordemfelde, der das Unternehmen, 1916 von Wilhelm Vordemfelde aus Stettin (daher der Name WILVORST) gegründet, in dritter Generation seit 1983 führt.

Während des ersten Golfkrieges 1991 fielen die großen Bälle ganz aus – WILVORST verlor umgerechnet 3,5 Millionen Euro Umsatz, schrieb zwei Jahre Verluste, das Geld wurde knapp. 1993 verkaufte Vordemfelde die Mehrheit seiner Gesellschaftsanteile an die Brinkmann Gruppe as Herford. Er bleibt neben den  Brinkmann Brüdern  Geschäftsführender Gesellschafter  von WILVORST. „Brinkmann hat ein gewissen Gewicht – das ist wichtig, wenn Sie mit einem Händler wie Peek & Cloppenburg verhandeln“, preist Vordemfelde die Vorteile des Verkaufs.

Bei Kaufhof, Anson´s, bei Weingarten in Köln, im KaDeWe in Berlin, oder bei Herrenmoden Mettler in Zürich hängt die WILVORST-Ware im Regal. Vordemfelde sucht gerade die neue Winterkollektion aus. Zur Entspannung tanzt er mal wieder – doch für den nächsten Wiener Opernball im Februar hat er diesmal keine Karten geordert. Stattdessen zieht es ihn zu zwei Festbällen in seine südniedersächsische Heimat: „Da gehe ich auch gerne hin.“

JÜRGEN SALZ

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